Wie ich Herrn Ludwig traf

Herr Ludwig passt auf

Heute erzähle ich euch, wie ich Herrn Ludwig traf. Das ist mein Rauhaardackel, der auf meinen Hof aufpasst. Und das macht er mit Begeisterung. Doch als ich ihn das erste Mal traf, war er schon recht traurig.

Auf der Fahrt zum Hof

Ich hatte gerade erfahren, dass mir meine Großtante den alten Hof der Familie vermacht hatte. Das war aber eine Überraschung! Bislang war ich ja aus meiner Stadt kaum herausgekommen – damals arbeitete ich noch als Steuerfachgehilfin in einer großen Steuerberatungsgesellschaft. Ich machte mich also in meinem alten R6 auf den Weg. Mit dabei im Kofferraum ein paar Sachen zum Anziehen und meine Tagebücher, und auf dem Beifahrersitz im verschlossenen Körbchen meine kleine Mignon.

Alle Lämpchen leuchten

Über meinen alten Renault könnte ich auch viele Geschichten erzählen, aber diesmal geht es nicht um ihn. Doch wenn es ihm nach 200 Kilometern auf der Autobahn im Juni nicht zu heiß geworden wäre, hätte ich Herrn Ludwig nicht getroffen.

So aber leuchteten ganz viele Warnlämpchen auf dem Armaturenbrett. Herrje, was jetzt?

Glück muss man haben! Ein Schild kündigte eine Tankstelle in einigen Kilometern an. Komm, das schaffen wir noch!

Schild Tankstelle

Der Tankwart war sehr nett und hilfsbereit. Ich hatte wirklich noch Glück gehabt. Es hätte nicht mehr lange gedauert, und mein Wagen wäre nicht mehr zu retten gewesen. So ließen wir den Motor abkühlen, und der Tankwart versprach mir, sich um den Wagen zu kümmern.

Eine Tankstelle

Ich nutzte die Gelegenheit, mir etwas die Beine zu vertreten. Neben der Tankstelle und den Parkplatz war noch eine kleine Raststätte, wo ich mir einen Milchkaffee besorgte. Damit setzte ich mich auf einen der Stühle vor der Raststätte und genoss die schon niedrigstehende Sonne.

Ein schöner Milchkaffee

Weint da jemand?

Richtig ruhig und erholsam ist es an so einer Autobahnraststätte eigentlich ja nicht, auch wenn an diesem Tage nicht so viel los war, und der Parkplatz war völlig leer. Trotzdem bemerkte ich zwischen dem Geräusch der vorbeifahrenden Autos so etwas wie ein klagendes Wimmern. Weinte da etwa ein Kind? Aber nein, dass war doch mehr wie das traurige Winseln eines Hundes. Schnell stieg ein Verdacht in mir auf. Könnte es möglich sein…

Ich ließ meinen Milchkaffee stehen und ging dem Klagen nach. Es dauerte eine Weile, aber schließlich entdeckte ich die Quelle des Klagens am Rande des Parkplatz. Ein kleiner Hund! Jemand hatte seinen kleinen Hund hier angebunden und vergessen. Nein, nicht vergessen. Ausgesetzt!

Davon hatte ich schon oft gehört. Leute, die ihrer Haustiere überdrüssig geworden sind und sie dann auf der Fahrt in die Ferien aussetzen. So etwas! Aber vielleicht waren die Leute ja noch hier. Ich sah mich um. Auf dem Parkplatz war niemand zu sehen. Was nun?

Der Hund hatte zu winseln aufgehört und sah mich mit großen traurigen Augen stumm an. So ein süßer kleiner Rauhhaardackel. Kurzentschlossen band ich ihn los und ging mit dem Hund zum Tankwart.

Herr Ludwig

Der kommt nicht ins Tierheim!

Der Tankwart war inzwischen mit meinem Auto fertig. Ich zeigte ihm den Hund, und der nette Mann schüttelte den Kopf. Er konnte sich nicht erinnern, wer den Hund zur Raststätte gebracht hatte. Und dann meinte er nur, dass das jetzt schon der dritte Hund sei, der in diesem Monat ausgesetzt wurde. Da war ich aber ganz bestürzt. Was denn mit den ganzen Hunden passiert, fragte ich ihn. Und er meinte, dass er immer die Polizei ruft, und die bringt die Tiere dann ins Tierheim.

„Dieser Hund kommt nicht ins Tierheim!“, entfuhr es mir. Der Tankwart bekam richtig einen kleinen Schreck, und dann lachten wir beide.

„Um den Hund kümmere ich mich ab sofort“, sagte ich bestimmt. „Das finde ich aber sehr nett von Ihnen,“ meinte der Tankwart. „so ein lieber kleiner Hund, der würde im Tierheim ganz unglücklich werden.“

Der Dackel bemerkte, dass wir über ihn redeten, und wedelte aufgeregt mit dem Schwanz.

„Darf ich fragen, wie Sie heißen?“, fragte ich den Tankwart. Er erwiderte: „Ich heiße Ludwig“. Dann sagte ich: „Schön, Sie kennengelernt zu haben, Ludwig. Ich heiße Charlotte, und mein Hund heißt ab sofort ‚Herr Ludwig'“.

Der Tankwart war ganz gerührt, und er hat mir dann für die Arbeit am Auto nichts berechnet. Da hat er drauf bestanden.

Familienzuwachs

Als ich dann zum Auto ging, wurde mir klar, dass ich jetzt Hundehalterin war. Oje, was würde Mignon sagen? Da bekam ich schon etwas Sorge.

Ich hob Mignon im Körbchen aus dem Wagen und stellte sie vorsichtig vor Herrn Ludwig ab. Was würde nun passieren?

Herr Ludwig fing an zu schnuppern und trippelte an das Körbchen heran. Mignon guckte neugierig, und dann, nach einer Weile, schob sie vorsichtig ein Pfötchen aus dem Körbchen und betastete die Nase des Dackels. Der streckte die Zunge heraus und fing an, die Pfote abzulecken.

Mir fiel eine Zentnerlast vom Herzen! Das schien der Beginn einer schönen Freundschaft zu werden. Fröhlich verstaute ich Mignon und Herrn Ludwig auf dem Rücksitz, kletterte hinter das Steuer und fuhr los. Wir drei hatten noch einen weiten Weg vor uns.

Beste Freunde