Heute kurz vor Mitternacht wurde ich durch ein wunderbares Geräusch aus meiner Bettlektüre gerissen. Das Buch war so herrlich spannend gewesen, dass ich die Zeit völlig vergessen hatte, und das Lied fast gar nicht bemerkt hätte. Ich glaubte, meinen Ohren nicht zu trauen: Ein herrlicher Vogelgesang drang durch mein Schlafzimmerfenster. Es war eine wunderbare warme Frühlingsnacht, eine dieser tropischen Nächte, und ich hatte das Fenster offen stehen lassen, um mir etwas Abkühlung zu verschaffen. Rasch legte ich mein Buch beiseite und trat auf den Balkon, der auf den Garten hinausgeht. Jetzt war es deutlich zu hören: Eine Nachtigall hatte sich in unserem Garten niedergelassen! Das ich jemals so etwas Schönes hören würde, hätte ich nie gehofft. Ein paar Zeilen eines Gedichts von Theodor Storm kamen mir plötzlich in den Sinn, das mir meine liebe Großmutter oft vorgelesen hatte:
Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem süßen Schall,
Da sind in Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen.

Lange lauschte ich dem kleinen Sänger und vergaß völlig die Zeit. Leider kann ich von meiner Schlafzimmerbalkon meinen Rosengarten nicht sehen, so dass ich nicht sagen kann, ob sich die Rosen wirklich geöffnet habe. Ich kann es mir aber gut vorstellen!


